Die erste Zahl, die ein Mensch sieht, wird unbewusst zum Bezugspunkt für alle folgenden Bewertungen. Einer der robustesten und meistuntersuchten Effekte der Verhaltensökonomie — und einer der leisesten Hebel in der Preisgestaltung.
Der Anchoring-Effekt wurde in den 1970er-Jahren von Amos Tversky und Daniel Kahneman experimentell belegt. In ihrem berühmten Experiment wurden Probanden gebeten, zunächst eine zufällig erzeugte Zahl auf einem Glücksrad abzulesen und anschließend zu schätzen, wie viele afrikanische Länder Mitglied der UN seien. Die Schätzungen korrelierten signifikant mit der zuvor gesehenen Zufallszahl — obwohl die Probanden wussten, dass sie keinerlei Bezug zueinander hatten.
Das Gehirn scheint jede Zahl, die es zuerst verarbeitet, als Ausgangspunkt zu nehmen und sich von dort aus „heranzuarbeiten". Selbst wenn wir den Anker als irrelevant erkennen, bleibt seine Wirkung erhalten. Anchoring ist damit eine Form der kognitiven Verzerrung, gegen die bewusstes Dagegensteuern nur begrenzt hilft.
Anchoring funktioniert nur, wenn der Anker als plausibel wahrgenommen wird. Ein Streichpreis von 9.999 €, herabgesetzt auf 49 €, wirkt nicht großzügig, sondern unseriös. Der Anker verliert seine Wirkung, sobald er den Rahmen dessen sprengt, was der Nutzer für realistisch hält — und kippt dann ins Gegenteil. In der Praxis gilt: Je glaubwürdiger der Anker, desto stabiler der Effekt.
Wie bei allen Mechanismen der Verhaltensökonomie gilt auch hier die Grundregel, die wir in jedem CRO-Projekt vertreten: Der Anker muss real sein. Fingierte Streichpreise, erfundene „UVP"-Werte und nicht existente Vergleichsangebote sind juristisch riskant (Preisangabenverordnung) und zerstören mittelfristig das Vertrauen.
Eng verwandt ist der Effekt mit Framing und Loss Aversion: Alle drei bewegen sich in dem Grenzbereich, in dem die Bewertung eines Angebots weniger vom Angebot selbst abhängt als von seiner Umgebung.