Wie sich diese Entwicklung in einem produzierenden Familienunternehmen bemerkbar macht, darüber habe ich mit Bastian Braun gesprochen. Er ist Geschäftsführer der Horst Keller Werkzeugbau GmbH in Wipperfürth.
Vor dem Gespräch im Podcast „Triebwerk“ hatte ich Gelegenheit, das Unternehmen und seine Produktion persönlich kennenzulernen. Dabei wurde deutlich: Hinter Begriffen wie Transformation, Automatisierung oder Fachkräftemangel stehen konkrete Menschen, Maschinen und unternehmerische Entscheidungen.
Ein Unternehmen zwischen Erfahrung und Erneuerung
Horst Keller Werkzeugbau wurde 1970 gegründet. Bastian Braun ist mit dem Familienunternehmen aufgewachsen, absolvierte seine Ausbildung jedoch zunächst außerhalb des Betriebs und sammelte Erfahrungen in anderen Industrieunternehmen.
2013 kehrte er zurück. Seit 2020 ist er Teil der Geschäftsführung, die er mittlerweile allein verantwortet.
Diese Verbindung aus Tradition und neuen Erfahrungen prägt seinen Blick auf das Unternehmen. Die Erfahrung der vorherigen Generationen bleibt wichtig. Gleichzeitig müssen bestehende Strukturen immer wieder hinterfragt werden.
Gerade in Familienunternehmen entsteht daraus häufig ein Spannungsfeld: Was muss bewahrt werden und was muss sich verändern?
Fachkräftemangel wird zum Wachstumsproblem
Eine der größten Herausforderungen ist für Braun der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern.
Im Werkzeugbau könnten mehr Aufträge bearbeitet und bessere Ergebnisse erzielt werden, wenn genügend Fachkräfte verfügbar wären. Gleichzeitig müssen Neueinstellungen wirtschaftlich tragfähig bleiben.
Damit wird der Fachkräftemangel zu mehr als einem Recruitingproblem. Er betrifft die gesamte Leistungsfähigkeit eines Unternehmens.
Fehlen Mitarbeiter, können Aufträge nicht oder nur verzögert bearbeitet werden. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an bestehende Teams.
Unternehmen müssen deshalb prüfen, wie sie Prozesse vereinfachen, Wissen sichern und Mitarbeiter gezielter entlasten können.
Internationaler Wettbewerb nimmt zu
Auch der Wettbewerb mit Unternehmen aus Asien ist für den deutschen Werkzeugbau spürbar.
Chinesische Anbieter können inzwischen nicht nur über niedrige Preise überzeugen. Auch Qualität und Produktionsgeschwindigkeit haben sich deutlich entwickelt.
Für deutsche Unternehmen reicht es deshalb nicht mehr aus, ausschließlich mit dem Hinweis auf hohe Qualität zu werben.
Sie müssen deutlicher machen, welchen zusätzlichen Nutzen sie bieten. Dazu gehören zum Beispiel kurze Abstimmungswege, Flexibilität, technische Beratung und eine enge Begleitung der Kunden.
Horst Keller Werkzeugbau verbindet mehrere Bereiche miteinander: Werkzeugbau, Kunststoffverarbeitung und Messtechnik. Dadurch können Projekte über verschiedene Produktionsschritte hinweg begleitet werden.
Solche integrierten Leistungen können ein wichtiger Vorteil gegenüber reinen Preisanbietern sein.
Mehr Zusammenarbeit im Mittelstand
Braun sieht eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Industrieunternehmen als einen wichtigen Teil der Lösung. Viele Betriebe schützen ihr Wissen und ihre Kapazitäten traditionell sehr stark. Doch in Zeiten knapper Fachkräfte und wachsender internationaler Konkurrenz kann diese Abschottung zum Nachteil werden.
Unternehmen könnten sich gegenseitig bei Aufträgen, Kapazitäten oder speziellen technischen Anforderungen unterstützen.
Braun formuliert es im Gespräch so:
„Ich glaube, dass wir nur partnerschaftlich und gemeinschaftlich aus dieser Krise herauskommen.“
Kooperation bedeutet dabei nicht, den Wettbewerb aufzugeben. Es bedeutet, dort zusammenzuarbeiten, wo einzelne Unternehmen allein an ihre Grenzen stoßen.
Welche Rolle künstliche Intelligenz spielen kann
Künstliche Intelligenz wird bei Horst Keller Werkzeugbau bislang vor allem für Analysen, Formulierungen und neue Ideen genutzt.
In der eigentlichen Produktion bleibt der Mensch weiterhin entscheidend. Viele Tätigkeiten im Werkzeugbau sind technisch anspruchsvoll, individuell und stark von Erfahrung abhängig.
Trotzdem kann KI Unternehmen bereits heute unterstützen.
Dazu gehören zum Beispiel:
die Erstellung von Dokumentationen,
das Strukturieren von Wissen,
die Vorbereitung von Angeboten,
die Analyse von Daten,
die Unterstützung bei wiederkehrenden Verwaltungsaufgaben.
Der größte kurzfristige Nutzen liegt wahrscheinlich nicht darin, Fachkräfte vollständig zu ersetzen.
Vielmehr kann KI dabei helfen, qualifizierte Mitarbeiter von zeitaufwendigen Nebenaufgaben zu entlasten.
Mitarbeiter müssen einbezogen werden
Neue Technologien sollten nicht einfach von oben eingeführt werden.
Braun hält es für wichtig, Mitarbeiter frühzeitig einzubeziehen, neue Systeme gemeinsam zu testen und offen über mögliche Auswirkungen zu sprechen.
Das ist nicht nur für die Akzeptanz wichtig. Mitarbeiter kennen die tatsächlichen Abläufe und Probleme in der Produktion oft besser als externe Anbieter oder Berater.
Technologie funktioniert deshalb am besten, wenn sie gemeinsam mit den Menschen entwickelt und eingeführt wird, die später damit arbeiten.
Meine Einordnung
Das Gespräch mit Bastian Braun zeigt aus meiner Sicht drei zentrale Herausforderungen für den Mittelstand.
Erstens: Unternehmen müssen ehrlich analysieren, wo ihre tatsächlichen Probleme liegen.
Zweitens: Fachkräftemangel lässt sich nicht allein durch neue Stellenanzeigen lösen. Prozesse, Wissen und Zusammenarbeit müssen ebenfalls betrachtet werden.
Drittens: Künstliche Intelligenz sollte nicht als Selbstzweck eingeführt werden. Sie muss konkrete Arbeit erleichtern und einen wirtschaftlichen Nutzen schaffen.
Am Ende bleibt Transformation vor allem eine Führungsaufgabe.
Unternehmer müssen Orientierung geben, Entscheidungen treffen und gleichzeitig die Menschen im Unternehmen mitnehmen.
Der Mensch bleibt entscheidend
Zum Abschluss des Gesprächs habe ich Bastian Braun gefragt, wer er ohne Titel und Namen ist.
Er beschreibt sich als positiv eingestellten Menschen, der liebt, was er tut und versucht, andere auf seinem Weg mitzunehmen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Voraussetzung für Unternehmen in schwierigen Zeiten.
Technologien verändern sich. Märkte verändern sich. Prozesse verändern sich.
Die Verantwortung dafür, wie Unternehmen mit diesen Veränderungen umgehen, bleibt jedoch beim Menschen.
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